Bewusst leben - Unbewusste Altlasten

Der vorliegende Artikel ist Teil einer Serie von Artikeln, die auf von mir gemachten Notizen bei einer Doku-Serie im TV beruhen. 

In unserem Unbewussten sind nicht nur Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen um unseren Alltag zu bewältigen. Es gibt auch Altlasten, Automatismen, die uns behindern.

Internalisierte Verhaltens-Muster, die zu Gewohnheiten wurden. Irgendwann vielleicht bewusst angenommen, sind sie uns jetzt nicht mehr bewusst, werden automatisch ausgelöst, gehören zu unserer Identität. Auch Muster, die wir in unserer Kindheit gelernt haben und heute noch in uns sind, können wieder ausgelöst werden, wenn uns in einer akuten Situation keine andere Alternative zur Verfügung steht. Damals war es erfolgreich und hilfreich, heute drückt jemand bei uns auf einen "Knopf" und wir reagieren wieder mit Trotz, Weinen, Wut, … obwohl wir selber wissen, dass es unpassend ist.

Z.B. ein überkontrollierender Chef, der so wie damals unser Vater, uns ständig über die Schulter schaut ob wir auch alles richtig machen. Bisher konnten wir in unserem Leben mit solchen Situationen  umgehen, indem wir es einfach ignoriert oder toleriert haben. Bis wir in eine Situation geraten, die uns sehr wichtig ist und wir sie nicht ignorieren können. Und plötzlich reagieren wir mit unserem Kindverhalten, fangen z.B. an zu weinen, weil wir als Kind gelernt hatten, dass Erwachsene (der Vater) dann auf uns eingehen, sich um uns kümmern und "alles wieder gut" ist. Der Chef ist jedoch nur irritiert, im günstigsten Fall.

In der Psychoanalyse sieht man den Menschen als Urheber, als Regisseur, der alte, konflikthafte Situationen immer wieder reinszeniert. Dass man Andere missbraucht als Statisten, als Mitspieler in einem Spiel, bis man den ursprünglichen Konflikt auflösen kann.  

Ich sehe es eher als gelerntes Verhalten und Denken, welches durch Umlernen oder Neulernen von hilfreichen, passenderen Alternativen und Sichtweisen ersetzt werden kann. Man ist schließlich kein Sklave seiner Kindheit, sondern kann sein Verhalten, sowie sein Denken und Fühlen ändern, auch im Erwachsenenalter.

Während unseres Lebens bauen wir eine Art Model der äußeren Welt in uns auf. Auch ein Model, wie wir selber funktionieren. Wir entwickeln Geschichten, um uns die Welt, andere Menschen und wie wir selbst sind zu erklären. Und diese Geschichten verinnerlichen wir mit der Zeit, ohne sie jemals wieder zu hinterfragen. Wir brauchen ein für uns funktionierendes, konsistentes Modell der Welt, damit wir uns in der Welt zurecht finden können, wissen wann wir uns wie zu verhalten haben, damit es uns gut geht. So wie der vorgegebene Handlungsrahmen und die Regeln bei einem Spiel. Doch nicht jeder hat die gleichen Regeln und manche schummeln auch. Und so gibt es einen Haufen "Spiele", die Menschen spielen, weil sie diese schon seit vielen Jahren spielen. Sie halten sich an Regeln, ohne mal zu prüfen, ob diese Regeln überhaupt noch aktuell sind, und ob sie das Spiel überhaupt noch spielen wollen.

So gibt es zum Beispiel folgende Spiele:

  • sich in Teambesprechung zurückzuhalten mit der eigenen Meinung, vor allem wenn die Chefin anwesend ist
  • ständig für die Kollegen einspringen und Überstunden machen
  • nicht zu zeigen was in einem vorgeht, Fehler nicht einzugestehen
  • "Ehrlich geht die Welt zugrunde"
  • es jedem recht machen zu wollen
  • sich nicht an Normen und Regeln zu halten
  • nur zufrieden zu sein, wenn das Ergebnis mind. 100%ig ist, und sich als Versager zu fühlen, wenn die Lösung nicht perfekt ist
  • "Wasch mich, aber mach mich nicht nass"
  • dafür zu sorgen, dass man anderen nicht im Wege steht, nicht lästig ist, und anderen es möglichst leicht zu machen, aber die eigenen Bedürfnisse und eigene Gesundheit dabei vernachlässigen
  • keine Hilfe anzunehmen, auch wenn sie es einem leichter machen würde
  • sofort still zu werden, wenn jemand seine Stimme erhebt

Jeder hat schon mal solche oder ähnliche Spiele bei anderen gesehen, die denjenigen das Leben schwerer machen als notwendig. Doch wie ist das bei uns selbst? Da wo wir selbst "betriebsblind" sind, können uns andere helfen, Klarheit zu schaffen. Wer kennt es nicht, dass er bei jemand anderem etwas sieht und sich wundert, dass die andere Person es nicht sieht. Freundschaft heißt ja auch, dem anderen zu sagen, wenn einem etwas an ihm auffällt, denn man möchte, dass es dem anderen gut geht. Ich erinnere mich an eine befreundete Tänzerin, die in Gesprächen auf mich den Eindruck machte, als gäbe es in ihrem Leben einen Kampf und sie schon lange vergessen hat, wofür sie überhaupt kämpft. Auch ihre Kleidung schien sie nicht zu tragen, weil sie sich darin wohlfühlt, wirkte mehr wie eine Uniform, ein Mittel zum Zweck um zu zeigen, dass sie sich was auch immer für Konventionen nicht unterordnen wolle. Reinhard Mey nannte es "Nonkonformisten-Uniform" ;-) Aufgrund meiner Vermutung, dass sie sich gegen irgendetwas oder jemanden auflehne, erzählte ich ihr während eines Gesprächs davon und dass es nichts und niemanden mehr gäbe, gegen den sie zu rebellieren brauche. An ihrer Reaktion merkte ich, dass ich wohl ins Schwarze getroffen hatte. Bei der nächsten Begegnung war sie nicht nur anders gekleidet, auch ihr Verhalten zeigte eine Veränderung. Sie wirkte innerlich aufgeräumter, zufriedener, fühlte sich wohler in ihrer "Haut". Auch in den Gesprächen erzählte sie mehr von positiven Dingen, statt von dem was alles in der Welt schlecht, falsch, negativ ist. Wobei die Gespräche auch viel kürzer waren. Mehr in der Art "Arne, lass uns was schönes unternehmen."
 
Jeder kann bei sich selbst schauen und offen sein für Hinweise von anderen, ob es Verhaltens- oder Denkweisen gibt, die einem mehr im Wege stehen und Stress erzeugen, als dass sie es uns ermöglichen, ein erfülltes Leben zu leben, so wie wir es uns wünschen.

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