Verstehen wollen und verstanden werden wollen

Wie oft haben Sie schon erlebt, dass bei Gesprächen sich die Partner ständig unterbrechen, abwiegeln, die Augen rollen, ... die eigene Meinung vehement, kämpferisch verteidigen? Und manchmal hat man nicht nur das Gefühl, dass eine Person nicht verstehen will, sondern auch den Eindruck, dass die andere Person nicht verstanden werden will, über-reden will statt zu überzeugen. Es ist als würden 2 Menschen auf verschiedenen Inseln sitzen und jeder sagt zum anderen "Meine Insel ist viel besser und schöner als deine, also hör auf mir über deine Insel zu erzählen". Beide sehen nur ihre eigene Insel. Und wenn einer auf die Idee kommt den anderen einzuladen, sich die eigene Insel anzuschauen um ihn dadurch zu überzeugen? Der Eingeladene sagt "Wieso das? Paddel du doch rüber und schau meine Insel an, denn meine ist besser, schöner". Warum bauen die beiden nicht eine Brücke und schauen sich gemeinsam, in Ruhe, alle Inseln an? 

Eine Brücke bauen

Wie könnte diese Brücke aussehen? Und wie gehen beide mit dieser um?

Es gibt eine schöne Form des Konflikt-Gesprächs, das Zwiegespräch, bei dem es nicht darum geht den Konflikt zu gewinnen, sondern ihn zu lösen. Es beginnt mit dem schwierigsten Schritt: Einer muss aus dem bisherigen Hin- und Her-Argumentieren aussteigen und den anderen dazu einladen, sich gemeinsam um eine Lösung zu bemühen (sich beide "Inseln" anzuschauen). Dies gelingt oft eher der Person, die noch nicht so sehr auf Ärger, auf Kampf umgeschaltet hat. Diese Person beginnt damit, sich die Sicht des anderen anzuschauen.

Zwiegespräch

Es gibt Person a und Person b. Person a erzählt und Person b hört zu (nach 10 Minuten wird gewechselt, aber einer muss ja anfangen). Person a erzählt also ihre Sicht. Was ihr gefällt, was nicht, was sie gerne hätte oder nicht hätte. Also ihre Wünsche, Hoffnungen und auch Befürchtungen bzgl. des Themas, welches besprochen werden soll.
Person b hat die Aufgabe des Zuhörers. Des aktiven Zuhöres. Was ist mit "aktiv" gemeint? Es geht darum zuzuhören und nachzufragen, um das Gesagte zu verstehen. Dies dient der Vermeidung des Sender-Empfänger-Problems.

Sender-Empfänger-Problem

Wenn jemand etwas sagt ("Sender"), hat er zuerst eine Idee dessen, was er sagen möchte, und es tauchen Gedanken dazu auf. Diese Wolke an Ideen und Gedanken muss er nun in eine seqentielle Reihenfolge (Sätze) bringen, in eine Struktur. An dieser sich dann entlanghangeln und nacheinander Worte von sich geben, um seine Idee zu "senden". Wobei beim Reden neue Ideen und Gedanken auftauchen, die dann ad hoc in den "Signal"-Fluss an Worten eingeflochten werden muss. Der Zuhörer ("Empfänger") hat nun die Aufgabe, diese nacheinander eintreffenden Worte zu Sätzen zu verbinden (dabei muss er auf ein Punkt, Komma oder anderes Ende-"Signal" achten). Aus diesen Sätzen formt er dann Bedeutungen, es entstehen Gedanken und daraus dann die Idee, die der "Sender" in seinem Kopf haben könnte. Es ist also viel Kodier- und Dekodierarbeit zu leisten. Und dabei kann einiges schief gehen. Hinzu kommen dann noch Wortmelodie, Tonfall, Mimik, Gestik, die zusätzlich Informationen liefern (können). Und so kann es leicht passieren, dass das, was der Sender "rüber bringen" wollte, nicht so ankommt wie er es meinte. Im Bereich der Technik nutzt man Methoden um sicher zu stellen, dass Sendung und Empfang gleich sind, z.B. durch zusätzliche Signale oder durch Zurückschicken der Information.

Klarheit in der Kommunikation

In der menschlichen Kommunikation geht dies ähnlich. Während Person a redet, hört Person b aufmerksam zu und versucht Person a zu verstehen. Die Haltung, die Person b einnimmt ist etwa die eines Forschers, der ein neu entdecktes Volk kennen lernen möchte. "Wie denken die?", "Was könnte er/sie mit ... gemeint haben?", "Was bedeutet ...?". Person b wertet nicht, verdreht auch nicht die Augen oder seufzt. Person a versucht dabei, sich verständlich zu machen. Das Ziel ist, dass Person b die Sichtweise von Person a klar ist. Nach 10 Minuten wird gewechselt, und nun redet Person b und Person a hört zu.

Um das Verstandenwerden zu erleichtern, arbeiten beide Personen zusammen. Die zuhörende Person fragt nach, wenn sie etwas nicht verstanden hat, bzw. gibt zu verstehen das und was sie verstanden hat, z.B. durch "Sehe ich das richtig, dass du ... meinst?", "Bei mir kommt an, dass wenn ... geschieht, du es als ... aufnimmst und dich ... fühlst dadurch. Hab ich dich da richtig verstanden?". Die redende Person achtet darauf, ob und was die zuhörende verstanden hat und erzählt etwas nochmal, aber anders, wenn die Information nicht so ankam wie die redende Person es sich wünschte.

Die innere Haltung der Personen ist "Ich möchte, dass du mich verstehst" (Redner) und "Ich möchte dich verstehen" (Zuhörer).

Die Rede/Zuhör-Zeit auf 10 Minuten zu setzen, führt dazu, dass der Redende in Ruhe erzählen kann. Und durch die Festlegung wer redet und wer spricht, kann der Zuhörende auch mal ganz beim Redner sein. Er weiß ja, dass er danach die Möglichkeit hat 10 Minuten in  Ruhe seine Sicht der Dinge zu erzählen. Wobei die 10 Minuten nur eine Richtgröße sind. Wenn jemand früher fertig ist, kann er an den anderen abgeben. Nach dem Wechsel erzählt nun Person b ihre Sicht, aber ohne das Gesagte von Person a zu diskutieren, zu bewerten, ... Es geht auch jetzt nur um die Sicht einer Person, die, die nun redet, Person b.

Diese Form des Gesprächs kann auch dazu führen, dass den beiden klar wird, worum es wirklich geht. Denn, dass Gefühl, reden zu können ohne unterbrochen zu werden und das der andere zuhört, erleichtert es einem auch die Dinge anzusprechen, die sonst (aus Angst?) unausgesprochen blieben. Man streitet über den Müll, der nicht runtergebracht wurde, aber hinter diesem Thema steckt eventuell, dass ein Partner das Gefühl hat, nicht seinen Erwartungen entsprechend behandelt zu werden, im Haushalt, in einem anderen Bereich oder im Allgemeinen. Der nicht herunter gebrachte Mülleimer wäre dann nur ein "Symptom", aber nicht das eigentliche Problem. 

"Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", sagt man. Wir verfallen mit der Zeit in eine alltägliche Routine und vielleicht reden wir dann zu selten über das "Ich", "Du" und "Wir". Durch ein offenes Gespräch, wo jeder in Ruhe sagen darf, was er will und ihm zugehört wird, können bisher unausgesprochene - vielleicht auch unbewusste - Bedürfnisse sich offenbaren.

Wochen-Ritual

Warum warten bis ein Konflikt entsteht? Wie wäre es mit der gemeinsamen Regelung, dass z.B. Freitags sich 20 Minuten Zeit genommen wird und jeder 10 Minuten erzählt, was er/sie in der Woche  erlebt hat, was ihr/ihm durch den Kopf geht. Vielleicht auch einfach nur erzählen, ohne das danach darüber diskutiert wird oder Probleme gelöst werden sollen. Um sich dem anderen mitzuteilen, damit der andere am eigenen (inneren) Leben teilhaben kann. Von der Woche zu erzählen, den Erlebnissen, seinen Gedanken dazu und den Gefühlen. Dies gibt Verbundenheit und kann auch helfen, sich selber klarer über das Erlebte zu werden. Und man kann so die Woche ablegen und das Wochenende genießen. Diskutieren, gemeinsam Lösungen erarbeiten, kann man ja später immer noch, wenn man es dann noch für notwendig hält.

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