Je mehr ich weiß, um so mehr weiß ich, dass ich nicht(s) weiß.

Wenn ich etwas lerne, dann will ich es können. Und nicht nur können, sondern es verstehen, es durchdringen. Wenn ich in einem Wettkampf an den Start gehe, dann will ich gewinnen, nicht nur dabei sein. Deshalb war ich es gewohnt zu den Besten zu gehören, Dinge zu können. Mein Motto war: "Entweder ich mach es richtig oder gar nicht!"

Und doch sah und sehe ich mich selbst nicht als den besten Psychologen, Tänzer, Sportler, Schreiber, ... 

Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß.

(Sokrates)

und

Je mehr ich weiß, um so mehr weiß ich, das ich nicht(s) weiß.

(Einstein)

Die Bedeutung dieser Sprüche wurde mir mit den Jahren des Studierens, Lernens und Verstehens immer klarer. Ich habe mich in meinem Leben mit verschieden Themen beschäftigt, ging bei allem in die Tiefe und in die Breite. Nach jedem Entwicklungssprung zeigte sich, dass meine zuvor vorhandene Meinung, ich hätte nun ein gutes Niveau erreicht, nicht mehr aufrecht zu halten war.

Besonders deutlich wurde es mir bei meinem Lieblingshobby des Tango-Argentino. Ich hatte sehr gute Trainer und es fiel mir innerhalb kurzer Zeit sehr leicht zu tanzen. Mein Repertoire wuchs stetig, ich und meine Tanzpartnerinnen hatten viel Spaß, und die Komplimente, die wir erhielten, bestärkten mich in meiner Annahme, ein gutes Niveau erreicht zu haben. Und das obwohl ich in mir diese kleine Stimme vernahm, die mir zu sagen versuchte, dass da noch mehr ist. Aber ich konnte es mir nicht vorstellen. Es war nicht greifbar für mich. Auch die Hinweise von besseren, erfahreneren Tänzern, ich möge doch hier und dort auf dieses und jenes achten, konnte ich nicht nachvollziehen. Es klappte doch alles?!

Ich wusste damals noch nicht, dass ich nicht(s) weiß.

Vielleicht lag es daran, dass die Tänze, die ich zuvor gelernt hatte, recht früh aufhörte weiter zu verfolgen. Standard/Latein hörte ich nach Goldstar auf, ging nicht in den Turniertanz, und auch Salsa tanzte ich nur ein paar Jahre. Den danach angefangenen Tango-Argentino verfolgte ich weiter. Und mit jedem Geheimnis, das ich lüftete, offenbarte sich mir eine neue Welt, tänzerisch, musikalisch, und das bisher Gelernte erschien in neuem Gewand. Mit jedem Entwicklungssprung erkannte ich immer klarer, dass je mehr ich lerne und verstehe, um so mehr weiss, dass es weiteres gibt, das ich noch nicht weiß, noch nicht kann.

So ging es mir nicht nur beim Tanzen, sondern auch mit den anderen Bereichen meines Lebens, der Psychologie, des Coachings, Sport, Sitebuilding, ...

Um diesen Prozess bildhaft zu machen, stelle man sich vor, einen Kreis auf ein Stück Papier zu malen. Das Papier stellt das gesamte Wissen dar, das bekannte sowie das unbekannte. Da ich über die Größe nichts vorgegeben habe, ist die nicht fassbare Größe des gesamten Wissens durch die Unbekanntheit der Papiergröße ebenfalls repräsentiert. Das Innere des Kreises, wie groß er auch sein mag, stellt das einem bekannte Wissen dar. Außerhalb des Kreises liegt das einem unbekannte Wissen. Die Linie, die den Kreis beschreibt, stellt den Übergang des eigenen, vorhanden Wissens zum unbekannten Wissen dar. Der Rand des eigenen Wissens, eine undeutliche Ahnung von dem Wissen "da draußen".

Wenn man lernt und sich so weiteres Wissen aneignet, vergrößert sich der Kreis. Und somit vergrößert sich auch der Übergangsbereich vom Bekannten zum Unbekannten. Was zuvor nur undeutlich war, ist nun klares Wissen. Und am Rand zeigt sich nun schemenhaft eine undeutliche Ahnung des bisher gänzlich unbekannten Wissens.

Mit der Zeit, durch wiederholte Erfahrung dieses Prozesses, kommt man schließlich zu der Erkenntnis, dass man eigentlich nicht wirklich etwas weiß. Man hat das Gefühl, dass die Menge des Wissens außerhalb der eigenen Grenzen, sich mit jedem Wissenszuwachs ebenfalls zu vergrößern und schier unendlich zu sein scheint. Und man erkennt ...

Je mehr ich weiß, umso mehr weiß ich, dass ich nicht(s) weiß.

Diese Erkenntnis müsste doch eigentlich zu einem kindlichen Gemüt führen, zu den aus der Kindheit bekannten "großen Augen", mit denen man staunend und wundernd vor der Vielfalt und Größe des noch zu lernenden Wissens steht. Dem ist auch so. Wenn mir jemand von Bereichen erzählt, die mir unbekannt sind, aber vor allem wenn es sich um Bereiche handelt, die direkt an meinen Wissens-Kreis grenzen, dann weiß ich, dass ich etwas lernen kann, wo ich weiß, dass ich es noch nicht kenne. Ich stehe dann mit großen Augen und offenen Ohren da und möchte lernen, können, verstehen, erkennen. Es durchdringen. 

Wie heißt es noch in Goethes "Faust":

Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen;
Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.

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